Predigt zur Auferstehung des Herrn 2017 im Hohen Dom

16.04.2017

- es gilt das gesprochene Wort

Christus ist auferstanden!

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

mit diesem Aufruf begrüßen unsere orthodoxen Brüder und Schwestern einander nach der Feier der göttlichen Liturgie am Fest der Auferstehung des Herrn. Und antworten unmittelbar darauf:
Ja, er ist wahrhaft auferstanden.
Manch einer weiß vielleicht aus der Verfilmung eines Romans von Leo Tolstoi, dass zu diesem kurzen Dialog noch ein österlicher Kuss auf die Stirn des Begrüßten gehört.   

Das ganze Geheimnis von Ostern und unser eigenes österliches Bekenntnis sind mit diesem Grußdialog zusammengefasst. Die gesamte Verkündigung der Kirche in ihrer mündlichen und schriftlichen Überlieferung ist auf diese österliche Botschaft gegründet.
Der Evangelist Lukas ist einer von denen, die sich ans Werk gemacht haben, zu bewahren und schriftlich abzufassen, was sich seinerzeit im Heiligen Land ereignet und erfüllt hat. Fast könnte man darüber ins Schwärmen geraten, mit welch hoher literarischer Kunst und Meisterschaft er dabei vorgegangen ist. Auch das dürfen wir noch als die Frucht der Inspiration durch den Hl. Geist verstehen.
Wir selber gehören an diesem Osterfest wieder in besonderer Weise zu den Adressaten, denen die Frohe Botschaft zugerufen wird. Und wir werden von neuem aufgefordert, weiterzusagen, was wir gehört, und weiterzugeben, was wir empfangen haben.
Und wenn es zunächst nur einmal unser Unverständnis oder unsere Klage wäre, die wir einander mitzuteilen haben. Immerhin ist es nämlich zunächst nur die schmerzliche Feststellung, ja, die Klage der Maria Magdalena, die die Apostel Petrus und Johannes zum Aufbruch bewegt, um sich vom Defizit des leeren Grabes und des verschwundenen Leichnams Jesu zu überzeugen. Uns wird eine Wesenseigenschaft aller Liebenden verkündet, wenn es von Johannes heißt, dass er sah und glaubte. Im Hl. Geist betrachtet, dürfen wir aber über den noch tieferen Inhalt keineswegs hinweggehen. Das Evangelium selber weist auf die noch tiefere Begründung der Auferstehung Jesu von den Toten, die weit mehr besagt als die Bestätigung einer äußerlichen Wahrnehmung. Oder wie einmal jemand gesagt hat: „Der Glaube an den Auferstandenen entsteht nicht am leeren Grab. Aber das Grab stellt auf den Weg, auf dem sich der Auferstandene bezeugt.“ Denn die Tatsache der Auferstehung bedeutet Erfüllung und Auftrag zugleich. Und diese Bedeutung kann nur im Hl. Geist erschlossen und in der Kraft des Hl. Geistes glaubwürdig weitergegeben werden. Da ist es nahezu ernüchternd, dass die beiden Jünger einfach wieder so nach Hause zurückgekehrt sind. Maria Magdalena aber bleibt. Ihr mag kaum bewusst sein, dass die damit dem Auftrag des Herrn an alle seine Jünger nachkommt, der sie aufgefordert hat: Bleibt in meiner Liebe. Dabei können wir uns an dem Vergleich des Propheten Jesaja zwischen der mütterlichfraulichen Liebe und der noch viel weiter reichenden Liebe des Gottes Israels erinnern. Eine derartige Würdigung, wie sie mit der Forderung nach Gleichberechtigung der Frauen auch bei der Vergabe kirchlicher Ämter gerade heute immer wieder geltend gemacht wird, haben unsere Frauen und Mütter im Grunde gar nicht nötig. Schon von ihrer Natur her stehen sie nämlich der Liebe und dem Leben so nahe, dass wir uns nur ehrfürchtig vor ihnen verneigen können.
Viel eher davon erhält die Erwählung der Maria Magdalena zur ersten Zeugin des Auferstandenen ihre Größe und ihren Sinn. Der Theologe Hans Urs von Balthasar begründet diese Würdigung noch tiefer, wenn er sagt: Die Kirche ist im tiefsten Frau, als Frau umfasst sie sowohl das kirchliche Amt (verkörpert von Petrus) wie die kirchliche Liebe (verkörpert von Johannes), die zusammengehören; und er unterstreicht das mit einer Verheißung des Propheten Jeremia: „Die Frau wird den Mann umgeben.“ (Jes 31,22) 

Und nicht nur für die Aussendung der Jünger Jesu zu zweien, sondern ebenso für Maria Magdalena als einzelne gilt die Deutung des Kirchenlehrers Gregors des Großen. Nur wer von der Liebe beseelt ist, darf den Predigtdienst ausüben. Ja, können wir daraus schließen, nur wer von der Liebe zu Gott und den Menschen durchdrungen ist, ist überhaupt fähig, das, was ihm offenbart worden ist, wirkmächtig weiterzugeben. Darum sind gerade die Liebenden gehalten, nicht stehenzubleiben, sondern vor allem in der Liebe zu wachsen und zu reifen. So habe ich es allen Brüdern und Schwestern in meinem Hirtenwort zur österlichen Bußzeit gewünscht.

Maria Magdalena muss sich wiederholt umwenden, buchstäblich umkehren, um nicht nur den ihr vertrauten Jesus von Nazareth, sondern den Auferstandenen zu erkennen und ihm zu begegnen. Auch sie ist nicht vor der Versuchung gerade des religiösen Menschen bewahrt, stehen zu bleiben und sich einzurichten, am Altvertrauten und Gewohnten festzuhalten und es zu bewahren, anstatt aufzubrechen und sich vom Geist bewegen zu lassen. Erst im gehorsamen Aufbruch reali-siert sie die Erkenntnis des Herrn. Dann hat sie nicht mehr nur mit einer Mitteilung vom Wiedersehen mit dem vertrau-ten Meister aufzuwarten, sondern sie spricht von der Offenbarung des Herrn, der sich ihr gezeigt und den sie gesehen hat.

Darum, liebe Schwestern und Brüder, will ich niemals müde werden, immer wieder zu betonen: Wann immer uns von dieser Stelle das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus vorgetragen wird, hören wir nicht nur von historisch grundlegenden Ereignissen, denen der Evangelist nachgegangen ist, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Vielmehr spricht dabei zu jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von uns Christus, der auferstandene, der erhöhte und verherrlichte Herr. Gerade im Hinblick auf die Verkündigung der Kirche durch Menschen, die dazu ausgerüstet und gesandt, beauftragt oder geweiht sind, gilt erst recht die Aufforderung des Apostels Paulus an die Gemeinde von Kolossä: Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Das könnten wir schon, wenn auch zunächst recht vordergründig, buchstäblich sehr vielen jungen Menschen zurufen, die kaum mehr ihre Umgebung wahrnehmen, weil ihre Konzentration immerfort nur auf ein kleines elektronisches Gerät in ihrer Hand gerichtet ist. Ob sie denn überhaupt noch in der Lage sind, über das Naheliegende und aktuell Unterhaltende hinauszudenken und zu planen?
Die Päpste der vergangenen Jahrzehnte haben uns immer wieder aufgefordert, vor dem Gebrauch der modernen Kommunikationsmittel doch nicht zurückzuscheuen, sondern ihre zahllosen Möglichkeiten gerade für das Weitersagen, die Verbreitung der Frohen Botschaft und des Glaubens in Anspruch zu nehmen.
Von jedem, der damit befasst ist, verlangt das allerdings eine hohe Disziplin und ständige Überprüfung, ob er damit wirklich der Verkündigung des Evangeliums dienen oder nur einer zwischendurch mal ganz gefälligen Variante des Entertainments huldigen, oder sogar nur sich selbst in den Vordergrund spielen will.
Sicher genügt es auch bei dieser Art der Verkündigung nicht, immer nur den Kreis der Vertrauten anzusprechen und sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen. Am Anfang ist es womöglich nur ein ganz persönliches Wort, das zunächst nur zum gemeinsamen Nachdenken anregt und vielleicht nach einiger Zeit in Dankbarkeit münden kann. Da müssen noch lange keine theologischen Inhalte angesprochen worden sein. Wahrscheinlich gibt es nämlich viel mehr Gedankenlose als wirklich Ungläubige.
Die größte Not des Atheisten sei es, dass er keinen Adressaten hat für seinen Dank, meinte der Schriftsteller Elias Canetti.
Vielleicht ist es schon alles, bei all den Unheilsbotschaften unsere Mitmenschen einfach nur auf das Gute aufmerksam zu machen, das nach wie vor in aller Welt geschieht und das noch immer sehr, sehr viele von uns empfangen. Dann mag vielleicht aus manchem unverbindlichen Klick bisweilen ein echter Dialog über Gott und die Welt entstehen.
Dann heißt es aber auch, bereit und fähig zu sein, Auskunft zu geben über die Hoffnung, von der wir selber beseelt sind. Denn Gott sucht Nachfolger, keine Follower. Der größtmögliche Einsatz moderner Kommunikationsmittel bleibt wirkungslos, wenn er nicht indirekt auch über den ganz persönlichen Aufbruch einzelner Glaubender und Betender Auskunft gibt. Der aber beginnt nicht erst vor Mikrofon und Videokamera, sondern mit einem persönlich gelebten Glauben in Buße und Umkehr, Gottesdienst und Gebet. Der erste und der beste Zeuge ist und bleibt der lebendige Mensch.
Denn das Erscheinen des Verherrlichten – sagt uns der Apostel Petrus – ist kein Schaustück für das ganze Volk, sondern ein Auftrag an die vorherbestimmten Zeugen, die das, was sie erfahren haben, weitersagen sollen. Den die Glaubenden empfangen vom Herrn die Vergebung der Sünden, für alle aber ist er der von Gott eingesetzte Richter.

Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, damit sind wir wieder bei der Sprache der Hl. Schrift, der Sprache des Evangelisten Lukas und auch der Sprache der Verkündigung der Kirche. Ich habe mich schon manchmal gefragt, ob es nicht zu viel, zu hoch und zu schwer ist, was da an ganz gewöhnlichen Wochentagen, Sonn- und Feiertagen den Gläubigen an heiligen Texten vorgetragen wird. Aber gerade darin liegt wohl schon der wesentliche Unterschied zwischen Getauften oder Ungetauften, den Geistbegabten und wahrhaft Glaubenden oder immer noch Suchenden und Zweifelnden.
„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen aber wird nur in Gleichnissen geredet.“ (vgl. Lk 8,10) , hat Jesus seinen fragenden Jüngern gesagt.
Darum hat die Kirche keinen Grund, die Inhalte ihres Glaubens zu verkürzen oder ihren Anspruch zu vermindern. Todkranken Menschen konnte ich oft nur raten, an Jesus zu denken und zu versuchen, seinen Namen auszusprechen, wenn sie kein Gebet mehr formulieren und kaum noch sprechen konnten. Denn schon der Name „Jesus“ ist ein Bekenntnis und Gebet, das bedeutet: Gott rettet.

Ihnen aber, liebe Schwestern und Brüder, lege ich heute nur die eine Botschaft ans Herz, mit der wir unsere österliche Betrachtung begonnen haben:
Christus ist auferstanden!
Und ich wünsche Ihnen, dass Ihr ganzes Leben, Reden und Tun mit der einzigen Antwort zusammengefasst werden kann:

Ja, er ist wahrhaft auferstanden!

 

Amen, Halleluja